Das Leben Moses Mendelssohns
Kurzbiografie
Moses Mendelssohn (1729–1786)* wurde in Dessaus jüdischem Viertel geboren. Sein Vater war Toraschreiber und Lehrer in der jüdischen Gemeinde. Seine Mutter, Bela Rahel Sara, war Nachkommin des gelehrten Krakauer Rabbiners Moses Isserles (ca. 1520–1572). Die Grabsteine seiner Eltern und seiner Schwester Jente auf Dessaus israelitischem Friedhof sind erhalten.
Mit 14 Jahren folgte Moses seinem Lehrer Rabbi David Fränckel nach Berlin. Durch seine Tätigkeit als Buchhalter und schließlich Teilhaber eines Seidenwarenunternehmens erlangte er festes Einkommen und Aufenthaltsrecht. Mit großem Bildungsdrang vertiefte er sich sowohl in die moderne Wissenschaft und Literatur, in klassische und neuere Sprachen als auch in die jüdische Überlieferung.
Der gelehrte, tugendhafte und sprachbegabte Jude Mendelssohn beeindruckte seine christliche Umwelt nachhaltig. Aus der Freundschaft mit Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) und der Einbeziehung in den Kreis der Berliner Aufklärer erwuchs ein wegweisender geistiger Dialog. In Lessings Dichtung »Nathan der Weise« steht Mendelssohn als Vorbild für die Titelgestalt. Europäische Berühmtheit erlangte er durch sein Buch »Phädon« (1767), das die Zeitgenossen durch die Beweisführung für Vernunftreligion und Unsterblichkeit der Seele und durch sprachliche Schönheit fesselte.
Mendelssohn wirkte als Aufklärer auf die jüdische und nichtjüdische Welt gleichermaßen. Er war ein Vermittler zwischen jüdischer Tradition und Moderne, so durch seine Übertragung des Pentateuch ins Hochdeutsche (1778–1783), seine Übersetzung der Psalmen (1783), seine vielfältigen Anregungen für eine jüdische Erziehungsreform und für die politische Emanzipation der Juden. In seinem Alterswerk »Jerusalem« (1783) begründete Mendelssohn seine Auffassung vom Judentum, von Vernunft, Toleranz und den natürlichen Rechten des Menschen.
* Mendelssohns Geburtstag wird traditionell auf den 6.9.1729, von einigen Wissenschaftlern jedoch auf den 17.8.1728 datiert.
Selbstzeugnisse
»Ich bin im Jahre 1729 (den 12 Ellul 489 nach jüdischer Zeitrechnung) zu Dessau geboren. Mein Vater war daselbst Schulmeister und Zehngebotschreiber, oder Sopher. Unter Rabbi Fränkel, der damals in Dessau Oberrabbiner war, studirte ich den Talmud. Nachdem sich dieser gelehrte Rabbi, durch seinen Commentar über den hierosolymitanischen Talmud, bei der jüdischen Nation großen Ruhm erworben, ward er etwa im Jahre 1743 nach Berlin berufen, wohin ich ihm noch in demselben Jahre folgte. Allhier gewann ich durch den Umgang mit dem nachherigen Doctor der Arzneigelartheit, Herrn Aron Gumpertz (der vor einigen Jahren zu Hamburg verstorben), Geschmack an den Wissenschaften, dazu ich auch von demselben einige Anleitung erhielt. Ich ward hierauf in dem Hause eines reichen Juden Informator, hernach Buchhalter, und endlich Aufseher über desselben seidene Waaren-Manufactur, welches ich noch auf diese Stunde bin. In meinem drei und dreißigsten Jahr habe ich geheirathet, und seitdem sieben Kinder gezeugt, davon fünfe am Leben. Übrigens bin ich nie auf einer Universität gewesen, habe auch in meinem Leben kein Collegium lesen hören. Dieses war eine der größten Schwierigkeiten, die ich übernommen hatte, indem ich alles durch Anstrengung und eigenen Fleiß erzwingen mußte. In der That trieb ich es zu weit, und habe mir endlich durch Unmäßigkeit im Studiren seit drei Jahren eine Nervenschwäche zugezogen, die mich zu aller gelehrten Beschäftigung schlechterdings unfähig macht.«
(Moses Mendelssohn an Johann Jacob Spiess, 1. März 1774)
»Meine Maxime ist, ich lasse mir kein Vergnügen entgehn, das mit irgend einer Vorstellungsart verbunden ist. Meine Vernunft muß nicht spröde thun, und mir die unschuldigen Vergnügen dieses Lebens verleiden wollen. Die Philosophie soll mich glücklicher machen, als ich ohne dieselbe seyn würde, und dieser Bestimmung muß sie treu bleiben. So lange sie eine gute Gesellschafterin ist, und mich auf eine angenehme Weise unterhält, bleibe ich bey ihr. So bald sie vornehme, frostige oder gar saure Geister macht, und üble Laune bekömmt, laße ich sie allein, und spiele mit meinen Kindern.
Ziemlich epikurisch, werden Sie sage. Es kann seyn! Ich wähle auch aus den Systemen der Weltweisen immer dasjenige, was mich glücklicher und zugleich besser machen kann. Eine Philosophie, die mich missmuthig, gegen andre Menschen oder gegen mich selbst gleichgültig, gegen Empfindung des Schönen und Guten frostig machen will, ist nicht die meinige.«
(Moses Mendelssohn an Sophie Becker, 27. Dezember 1785)